Flickr ist Yahoo’s nächster Schritt um cool zu werden

Sonny Damiri

Sonny is COO und Co-Founder der Content Garden. Er verantwortet den operativen Betrieb des Unternehmens und arbeitet Hand in Hand mit den Kampagnen, Content und Technologie Units von Content Garden.

Mit dem Relaunch der Photosharing-Plattform Flickr am 20. Mai 2013 setzt Yahoo den nächsten Schritt in Richtung neuer Coolness. Bereits mit der Akquise des Blog-Diensts Tumblr signalisierte der Suchmaschinenriese eindeutig seinen Willen die Zielgruppe der jungen Erwachsenen nicht kampflos Mitbewerbern wie Instagram, Pinterest und Facebook zu überlassen. Was folgte war nicht nur ein Redesign, sondern eine grundlegende Neupositionierung des 2004 gegründeten Web-Dienstleistungsportals – weg von professionellen Fotografen, hin zu Jugendlichen und mehr Werbung. Ob sich Yahoo damit einen Gefallen getan hat, ist fraglich, denn bereits wenige Tage nach Launch des neuen Designs, kam es zu lautstarken Protesten der einst treuen Community. Ist Flickr ein weiteres Projekt des großen Internetanbieters, das Jahre später dicht gemacht werden muss? Ich hoffe es nicht.

Das neue Flickr ist „spektakulr“ und „größr“

Das Design der Photosharing-Plattform ist State of the Art und bietet das Beste, was es derzeit im Webdesign gibt. Die optische Darstellung der Bilder ist ansprechend und rückt laut Flickr die Fotos noch stärker ins Zentrum des Geschehens. Im neuen Activity Feed werden nicht nur die eigenen Uploads und Aktivitäten angezeigt, sondern auch die der persönlichen Kontakte – Facebook lässt grüßen. Durch Endless Scrolling wird man zum Verweilen animiert, was gerade für Smartphone- und Tabletbenutzer das gemütliche Surfen auf dieser Website vereinfacht. Flickr ist auf jeden Fall größr geworden und bietet 1 Terabyte gratis Speicherplatz. Insgesamt könnten auf einem Account 537.731 Fotos mit einer Größe von 6,5 Megapixeln hochgeladen werden.

Flickr Website Groeßr

Dèjà-vu

Was einem sofort auffällt ist die Ähnlichkeit zu Pinterest und Instagram. Der Schwerpunkt liegt eindeutig in der coolen Präsentation der Fotos in Fullscreen und voller Auflösung. Zusätzlich können Videos in Full-HD hochgeladen werden. Diese beiden massiven Änderungen von Flickr haben nur ein Ziel: Die Social Media-Plattform für junge Erwachsene attraktiver machen. Das stellte auch Marissa Mayer, CEO von Yahoo bei der Pressekonferenz klar:

„Flickr was awesome once, it languished, and we want it to be awesome again!“

Eine klare Kampfansage an die Mitbewerber, denn Flickr gehört zu den 50 am stärksten frequentierten Seiten im World Wide Web. Mit mehr als 8 Milliarden hochgeladenen Fotos, über 70 Millionen Unique Usern und fast einer Million zahlender Kunden ist die Photosharing-Plattform nach wie vor ein ernstzunehmender Faktor im Ringen um die Gunst der Internetnutzer.

Aufschrei in der Community

Doch wie bei der Übernahme des Blog-Dienstes Tumblr gibt es auch beim Redesign von Flickr mehrere tausend Stimmen, die sich gegen diese Änderung auflehnen. Mit der Neupositionierung wendet sich die Social Media-Plattform nämlich nicht nur einer neuen Zielgruppe zu, sondern wendet sich vor allem von seiner Core-Community ab – den professionellen und semiprofessionellen Fotografen. Beim „alten“ Flickr konnte man sich als Newbee bzw. Wannabe im Bereich Fotografie zahlreiche Tipps und Tricks von den Profis holen. Die Folge waren hohe Interaktionsraten und ein reger Austausch von Wissen. Was mit dem Launch von Google+ begann, wird nun durch die Neupositionierung von Flickr vorangetrieben – die Abwanderung von interessanten Menschen und hochwertigem Content.

Money makes the World go ’round

Bereits kurz nach dem Relaunch der Seite begannen zahlreiche User einerseits ihren Account-Status auf privat umzustellen, so das ihre Fotos nicht für werbliche Zwecke „missbraucht“ werden können, und zum anderen ihre Alben zu sichern, um ihren Account in weitere Folge zu schließen. Warnsignale, die Yahoo einfach in den Wind zu schlagen scheint:

„There’s no such thing as professional photographer anymore!“ verkündetet Yahoo’s CEO Marissa Mayer ebenfalls auf der Pressekonferenz.

Deutliche Worte für den neuen Weg, den der Internetdienst eingeschlagen hat. Auch die Monetarisierung hat sich bei Flickr geändert, aber nicht gerade zum Vorteil der Nutzer. Bekam man vor dem Relaunch als Pro Member für schlappe 25 Dollar pro Jahr noch unlimitierten Speicherplatz, freie Editierbarkeit der Fotos, Seitenstatistiken und vor allem keine Werbung, kostet das doublr Upgrade mit einem weiteren Terrabyte Speicherplatz jetzt sage und schreibe 499,99 US-Dollar pro Jahr. Wer Flickr werbefrei nutzen will muss 49,99 US-Dollar pro Jahr löhnen. Dieses Pricing ist in der Tat „unglaublich(r)“!

Flickr Website Upgrade

Neu bedeutet nicht automatisch gut

Flickr mag jetzt zwar sexy und modern sein, aber ist es dadurch auch besser? Am „alten“ Flickr haben mich die zum Teil hochspezialisierten Gruppen beeindruckt. Wie spannend waren doch die Diskussionen unter den einzelnen Mitgliedern wie man am besten den Weißabgleich macht, die Belichtungszeit perfekt auf die jeweilige Beleuchtung anpasst, welche Tiefenschärfe für welches Motiv geeignet ist und so weiter. Diese Zeiten sind nun leider vorbei – meint auch Michael Stutz in seinem Artikel How Flickr Redesign Leaves Out the Photographers auf Huffington Post.

Die bislang treue Flickr-Community befürchtet nun eine Überschwemmung ihrer geliebten Plattform mit belanglosen Fotos die schmollende Teenies, Partyexzesse, tägliche Mahlzeiten und niedliche Haustiere zeigen. Ängste, die in zahlreichen Gruppen wie z.B. der New Flickr Layout Sucks Gruppe zum Ausdruck gebracht werden.

Content Marketing auf Flickr

Was bedeutet das Redesign von Flickr für Unternehmen und ihre Content Marketing Strategie? Werbetreibende werden mit der Photosharing-Plattform eine weitere Möglichkeit bekommen, die jugendliche Zielgruppe ansprechen zu können. Genau sowie auf Facebook, wird man dann vor der Herausforderung stehen, seiner Zielgruppe interessante Fotos und Videos zu bieten. Auch hier wird sich rasch die Spreu vom Weizen trennen. Es wird sich zeigen, welche Unternehmen es verstehen, das gesamte Potential von Flickr auszuschöpfen und Involvement durch begehrenswerte Inhalte zu schaffen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Unternehmen auf Flickr die Möglichkeit bekommen werden eine eigene Unternehmensseite einzurichten, welche sie mit Coverbild und eigenem Firmen-Buddy-Icon personalisieren können. Ob die Reichweite einzelner Fotos, wie bei Facebook’s empfohlenen Beiträgen, gegen Bezahlung erhöht werden kann bleibt abzuwarten. Vorstellen könnte ich es mir auf jeden Fall, da es eine organische Einpflege von Werbung im Activity Feed der User wäre. Bereits jetzt bekomme ich empfohlene Fotos von Personen, mit denen ich noch nicht in Kontakt stehe.

Flickr Website Entdecken

Fazit

Ich persönlich vermisse das „alte“ Flickr. Im Gegensatz zu Adam Cahan von Yahoo fand ich Gefallen an den zahlreichen Wörtern, kleinen Bildern und vielen blauen Links. Sie war vielleicht nicht gerade die schönste Social Media Plattform im World Wide Web, aber dafür mit einer leidenschaftlichen und vor allem äußerst aktiven Community gesegnet. Das „neue“ Flickr ist schick, hip und mit Sicherheit auf dem letzten Stand der Technik. Ich bezweifle aber, dass die Entscheidung von Yahoo die Core-Community zu Gunsten einer breiteren und vor allem jüngeren Zielgruppe aufzugeben die richtige war. Ob das „neue“ Flickr wirklich „größr“, „spektakulr“ und „unglaublichr“ ist, werden letztendlich die Nutzer entscheiden.